Kinder, Gemeinschaft… waren wichtig.

Um „Kind-Sein in der DDR“ wurde/wird gar nicht so selten ein ziemlich polarisiertes Bild gesponnen – von „glücklicher, sorgenfreier und freier Kindheit in einem Land, wo solidarisches Miteinander aller unabhängig vom sozialen Status gelebt wurde“, bis hin zu „immer grauer Alltag voller Verbote, Fremdbestimmung und Unterdrückung individueller Lebenskonzepte und Bedürfnisse.“ Mehrheitlich bestätigt wird der „Sachverhalt“, dass gerade Kinder mit vielen propagandistischen Narrativen in den Kindereinrichtungen und Schulen der DDR konfrontiert wurde. „Kind-Sein in der DDR“ hatte viele Farben – dunkle Farben, die einschüchterten … und helle, bunte, in denen Kindern es erleben und erfahren konnten, dass sie wichtig sind

Also für mich war die DDR immer ein Raum, der nicht frei war und ich bin so aufgewachsen, dass die Eltern immer gesagt haben: „Sei vorsichtig, erzähl nicht alles in der Schule. Zu Hause kannst du alles erzählen.“ Und irgendwie war das immer so ein Stückchen nicht ganz ehrlich.

Und ich wollte das oder wir wollten das dann anders machen mit unseren Kindern. Wir haben unsere Kinder zum Beispiel nicht zu den Pionieren gegeben. Das war nicht einfach. Und wir haben schon gewusst, sie sind dann Außenseiter. Es war üblich, dass alle Kinder zu den Pionieren gingen. Wir hatten einen unterschiedlichen Freundeskreis. Manche christlich, manche nichtchristlich. Und auch da haben wir diskutiert. Ich erinnere mich noch, dass ein Freund gesagt hat: „Naja, ihr tut jetzt eure Ideen auf den Rücken eurer Kinder ausbaden, weil ihr verbaut denen ja eigentlich die Zukunft.“ Das war natürlich für unser Gewissen schon krass. Das wollten wir nicht. Ich habe mich dann sehr gekümmert, das sie gleichbehandelt werden; wir haben uns zum Beispiel bemüht, um ins Eltern-Aktiv zu kommen. Mir ist es bei unserer großen Tochter gelungen. Bei den Zwillingen, die ein Jahr später in die Schule kamen, wollte mein Mann ins Elternkollektiv. Da ist es erst nicht gelungen. Da stand die Klassen-Lehrerin vor der Tür, klingelte und sagt: „Die Direktorin hat gesagt, sie werden ja ihre Zwillinge auch nicht in die Pioniere geben. Daher können wir sie nicht ins Elternaktiv aufnehmen.“ Und da habe ich dann gesagt: „Ich bestehe jetzt ausdrücklich drauf, dass Sie uns aufnehmen. So eine Begründung akzeptieren wir nicht.“ Und dann ist sie wieder gegangen… das hat mich auch richtig wütend gemacht. Ich weiß nicht, was ich dann gemacht hätte. Viele Chancen hatte man nicht, aber ich hätte erst einmal gekämpft… Und dann hat die Direktorin, warum auch immer, sich entschieden, uns doch reinzunehmen… […]

Am 9. Oktober bin ich mit einer Freundin in die Stadt reingefahren und wir hatten schon Angst. Wir wollten so zeitig reinfahren, dass wir in die Kirche kommen zum Friedensgebet. Und ja, wir haben uns dann getroffen. Mittags hatte mich noch mein Mann angerufen. Er hat einen Freund in der Uni gehabt und der hat ihn angerufen und gemeint: ‘Hier die schießen. Wir machen die OPs bereit. Sei vorsichtig.’ Also mein Mann rief mich an: „Geh lieber nicht, überleg dir’s nochmal.“, aber irgendwie hatte ich mich ja verabredet und ich wollte auch zum Friedensgebet.

Wir sind dann – nach dem Friedensgebet in der Reformierten Kirche – durch die Stadt zum Karl-Marx-Platz gelaufen und schon von weitem haben wir gesehen, dass der Platz voll war. Das war ein irres Gefühl. Und irgendwie war das dann so ’ne Stimmung – ich krieg da immer noch Gänsehaut. Wir haben uns dann auf dem Platz gesagt: „Ne die können nicht schießen. Das sind zu viele.“, Und alle haben sich irgendwie gefreut. Und ich erinnere mich auch noch an den Aufruf, der von den sechs Leipzigern über die Lautsprecher kam zur Gewaltfreiheit. Und dann ist es friedlich geblieben. Wir sind dann nach Hause und wir haben gesagt: Wir müssen jeden Montag wiederkommen. Irgendwie war’s ja so. Man sagte dann: Ja, das nächste Mal muss jeder noch jemand mitbringen. Aber ich hab meine Kinder am Anfang nie mitgekommen. Ich hatte trotzdem immer Angst, wenn was passiert, das ihnen was passiert. Andere haben es ja anders gemacht. Die haben gesagt: „Ne, wenn wir Kinder mitnehmen, machen die nichts.“ Aber ich hab‘ sie dann erst viel später mitgenommen – und ja, das war so…

Regina Schild

1989: Berufsausbildung mit Abitur, Elektronikfacharbeiterin, 3 Kinder, verheiratet; ab Januar 1990 beteiligt an der Auflösung der Bezirksverwaltung des MFS/AfNS durch das “Leipziger Bürgerkomitee”; ab November 1990 Leitung der Leipziger Außenstelle des damaligen Stasi-Sonderbeauftragten; bis Februar 2020 Leiterin der Außenstelle Leipzig der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen; seit 2009 gehört sie dem Kuratorium der Stiftung Friedliche Revolution an. Im April 2021 wechselte sie in den Vorstand der Stiftung.

„ … Ich hätte mich eigentlich schon an politischen 89er Aktivitäten beteiligt, bin aber von meinem Mann und meiner Familie davon abgehalten worden, mich als Schwangere (2. Kind) in diese Zusammenhänge zu bringen. Das heißt, ich habe mir das aus der Ferne angeguckt und kam mir doof vor und habe gedacht, das ist irgendwie nicht die richtige Zeit, ein Kind zu bekommen … und war teilweise auch sehr unglücklich.

Die Frau hieß Jana und gehörte zu einer Gruppe von Frauen aus dem Unabhängigen Frauenverband, die alle kleine Kinder hatten. … Jana habe ich dann zuhause besucht, weil sie gesagt hat: „Ich nähe das aus Laken, das Tuch. Du kannst mich gern besuchen.“ Sie hatten schon diesen Treff eingerichtet in einer Altbauwohnung im Leipziger Osten, wo sie sich immer zusammengefunden und beraten haben: Wie können wir weiter in der Öffentlichkeit aktiv sein, auch mit den Kindern? Oder gerade auch mit den Kindern. …

… Ich bin zu einer Zusammenkunft mitgegangen und dann habe ich gedacht: Ok, das ist jetzt eine richtig grundlegende Entscheidung! Wenn Du hier mitmachst, dann ist Schluss mit bis mittags im Schlafanzug und mal gucken, wann ich auf den Spielplatz gehe. … Ich habe ein paar Tage überlegt, wie ich das alles unter einen Hut kriegen soll und dann habe ich mich aber dafür entschieden, richtig einzusteigen. …

… wie viele in meiner Generation mit dem Hintergrund DDR hatte ich ein bisschen Vorurteile – was pure Frauenzusammenschlüsse betrifft. Aber dieses Zusammenarbeiten, dieser Austausch, dieses authentische – teilweise mit erschütternder Ehrlichkeit geführte – Gesprächsleben, das war für mich eine neue Erfahrung. Das war unglaublich bereichernd. Das war meine erste positive Erfahrung mit Frauen, ein Erleben von Solidarität statt Konkurrenz, Zusammenhalt statt Bewertung nach Äußerlichkeiten und allem, was damit einherging. Und was da für eine Kraft in diesen Frauen steckte, die Ideen dann auch umzusetzen.

… Das war ja nicht ohne, wenn ich mir das heute rückblickend vorstelle, wie wir mit ein bis drei Kindern, auch im Kleinstkind- und Vorschulalter – was wir da alles gemacht haben, wie wir das hingekriegt haben. … (13.10.1990 Eröffnung des ersten Mütterzentrums in Leipzig, weitere folgten). … Männer der Frauen, die sich engagiert haben, die ihrerseits dran interessiert waren – die waren herzlich willkommen und die haben sich auch eingebracht. Das war toll … ich habe das immer als bereichernd empfunden. Da waren keine Männer dabei, die sich in irgendeiner Form profilieren mussten. … Das war eine schöne Gemeinschaft. Und so erlebe ich das auch heute in den Familienzentren. …

… Ich glaube, dass in den 90er Jahren viele Menschen dachten (– und auch heute noch denken): Das brauchen sie nicht (das Mütterzentrum / das Familienzentrum) – sie haben ja keine Probleme. … also, dass wir mit Müttergenesungswerk, Frauenhaus und wirklich sehr defizitorientierten Angeboten gleichgesetzt wurden/werden. Aber wir hatten (und haben) dagegen von Anfang an diesen sogenannten „No Problem“-Ansatz. Das ist wirklich das A und O, dass Du kein Problem vorweisen musst, um Mütterzentrum-Zutritt zu erlangen. Das eben die ganz normale Familie – was ist schon normal – bei uns aufschlagen konnte und kann. … Wir freuen uns über alle Kontakte und jeden Austausch – das war und ist seit über 35 Jahren der willkommene Einstieg bei uns . …“

Raymonde Will

Herbst 1989: 29 Jahre, arbeitete beim Reclam-Verlag als Lektorin; zwei Töchter, Diplom-Lehrerin für Erwachsenenbildung; Raymonde Will gehört quasi zu „den Urmüttern der Mütterzentren ostdeutscher Prägung“; als Geschäftsführerin des Mütterzentrum Leipzig e.V. hat sie – seit dem ersten Mütterzentrum 1990 – noch vier weitere Zentren und drei KiTa‘s in Leipzig begleitet; ist gefragte Referentin & Workshop-Leiterin in der Familienbildung, in verschiedenen Vereins- und Unternehmensbereichen sowie Einzel- und Gruppenberatung tätig. …