Folgen eines „mütterlichen Hausfrauensyndrom“

Die klassischen, tradierten geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen hatten in der DDR auch in den 80er Jahren noch – trotz „staatlich verkündeter Gleichberechtigung” und materieller Unabhängigkeit von vielen Frauen – natürlich in allen Lebensbereichen eine ganz reale Existenz. Ein neues Geschlechter-Selbstverständnis „fällt nicht vom Himmel”, sondern alle gleichstellungspolitischen Prozesse waren/sind sehr komplex – und brauchen u.a. sehr viele positive Bewusstsein bildende Erfahrungen in öffentlichen selbstbestimmten Freiräumen

Im Kontext von „Frau-, Mutter-, Berufstätig-Sein” waren/sind gesetzliche Bestimmungen wie Kita-/Hort-Plätze, Haushaltstage, Frauen-Erholungskuren und… durchaus wichtige Gleichstellungsoptionen des staatlichen Reagierens auf real existierende Nicht-Gleichstellung – die aber allein nicht ausreichten, da besonders öffentliche nichtstaatliche Alltagsräume und -Orte der individuellen Selbstbestimmung in der DDR absolut fehlten…

Einige O-Töne aus einem Interview mit Petra Lux | 08-2023 in Leipzig…

„Ich habe dann, als ich schon in dem Kulturhaus gearbeitet habe, mein drittes Kind bekommen und da habe ich zum ersten Mal so eine Auszeit genommen. Die anderen beiden bekam ich während des Studiums; ich habe durchstudiert. Also das macht heute auch keiner mehr, aber es ging damals. Und da ist was ganz Komisches passiert, weil ich definiere mich über Arbeit… also schon immer, das ist mein Leben… und ich bin keine Hausfrau und Mutti… also überhaupt nicht. Ich kriegte wirklich Zustände in dieser relativen Isolation, mir fiel die Decke auf den Kopf, mir fehlte der Austausch, es war wie ein Abstellgleis mit Kind. Also wirklich.”

„Und dann habe ich davon gehört, dass die Evangelische Akademie irgendwo in Brandenburg ein Seminar macht über Feminismus. Und da bin ich hingefahren. Das muss ´82 gewesen sein. So, und da waren auch Frauen aus Leipzig und da habe ich auch gemerkt, ich bin gar nicht alleine mit, weißte so, mit meinem Tief. … Ich habe diesen Zustand „Hausfrauensyndrom“ genannt. Also du kriegst ne Meise. Und da traf ich also Frauen aus Leipzig und dann haben wir uns angefreundet, uns regelmäßig getroffen und mit den Frauen gemeinsam entstand die Idee … weil ich hatte ja ein großes Haus mit Saal und Bühne und Nebenräumen – ein Frauenzentrum zu gründen …”

„Ich hatte ja Gelder auch für Öffentlichkeitsarbeit und es stand damals in der LVZ – die Annonce liegt irgendwo noch im Keller – „Gründung eines Frauenzentrums. Ich habe das Konzept bei meinem Chef eingereicht und es sollte alles ganz basisdemokratisch sein. Also die Frauen sollten das selber gestalten. Wir hatten so Themen vorgeschlagen und dann wollten wir fragen: Wer hat Lust, das zu übernehmen? So ganz naiv. Eine Veranstaltungsreihe war das quasi. Ja, und die haben wir „Frauenzentrum” genannt.

„Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch kein westliches Frauenbuch gelesen. Mein erstes war dann Anja Meulenbelt „Die Scham ist vorüber“. Und dass es im Westen lauter Frauenzentren gibt es, hatten wir nicht auf dem Schirm. Wir haben das selbst so genannt. … Jedenfalls bestellte mich dann mein Chef und sagt: Naja, aber das geht so nicht, wir haben ja einen DFD. Und da hab ich gesagt: Kein Problem, gehe ich da hin.“

„Von dieser Seite keine Einwände und die erste Veranstaltung fand statt. Da kamen glaube ich 50 oder 60 Frauen. Es war gerammelt voll, hatte sich rumgesprochen. Ja und die hatten natürlich vom Rat des Stadtbezirkes jemanden geschickt. Es waren nur Frauen zugelassen… so kam Frau T. Dann hat sie da ihren Bericht gemacht und kurze Zeit später bekam ich die fristlose Entlassung.”

„Ich habe mein Ding gemacht in der DDR und ich habe dafür einen hohen Preis bezahlt. Und ganz viele Leute, die jetzt so hasserfüllt über die DDR herziehen, die waren angepasst!!! Die haben nicht ihren Mund aufgemacht, die haben nichts gewagt, die haben nicht ihre Arbeit verloren. Die hatten keinen Landesarrest. Die hatten kein Berufsverbot. Die wurden nicht bespitzelt, die hatten keine verwanzte Wohnung wie ich… “

Petra Lux

im Jahr 1989: 33 Jahre, alleinerziehend; Studium der Journalistik in Leipzig; 1881-1983 Leiterin des Jugendklubhaus Jörgen Schmidtchen in Leipzig-Schönefeld, gründete dort eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Frauenzentrum“; nach deren Verbot wurde sie fristlos entlassen; 09/1989 Sprecherin des Neuen Forum; Mitbegründerin der Fraueninitiative Leipzig. 1990-91 war sie Redakteurin der Frauenseite „Ganz“ der DAZ (Die andere Zeitung) und freie Journalistin; nach absolvierter Ausbildung gibt sie von 1995 bis heute Kurse in Taichi, Qigong, Reiki und führt das YINYANG-Zentrum in Leipzig

„Im Sommer 89, als sich das Neue Forum gegründet hat, da war ich gerade in Tadschikistan. Und ich kam zurück und hörte vom „Neuen Forum“. Und da habe ich mich sofort erkundigt, wer das hier in Leipzig macht und bin da sofort hin am nächsten Tag und habe mich da als Kontaktperson gemeldet. Das muss man sich aber auch erst mal überlegen, weil die Kontaktpersonen… das „Neue Forum“ war ja noch verboten zu der Zeit, und das war schon auch ein Risiko, denn die Adressen standen an der Nikolaikirche, für jeden sichtbar, auch für Stasi. Klar! Und da musste ich noch ein paar Telefonate führen. Weil, ich bin da ganz realistisch, also ich hätte ja auch in den Knast kommen können. Wegen meiner Kinder habe ich mit einer Freundin gesprochen und sie hat mir versprochen, sie würde meine Kinder nehmen… das haben wir geklärt. Und dann habe ich das gemacht.“



Zitate aus dem Gründungsaufruf des Neuen Forums: „Aufbruch 89“.

In unserem Lande ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört. Beleg dafür ist die weit verbreitete Verdrossenheit bis hin zum Rückzug in die private Nische oder zur massenhaften Auswanderung, Fluchtbewegungen dieses Ausmaßes sind anderswo durch Not, Hunger und Gewalt verursacht. Davon kann bei uns keine Rede sein. Die gestörte Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft lähmt die schöpferischen Potenzen unserer Gesellschaft und behindert die Lösung der anstehenden lokalen und globalen Aufgaben. […]

  • Auf der einen Seite wünschen wir uns eine Erweiterung des Warenangebotes und bessere Versorgung, andererseits sehen wir die sozialen und ökologischen Kosten und plädieren für die Abkehr von ungehemmten Wachstum.
  • Wir wollen Spielraum für wirtschaftliche Initiative aber keine Erwartung in eine Ellenbogengesellschaft. Wir wollen das Bewährte erhalten und doch Platz für Neuerung schaffen, um sparsamer und weniger naturfeindlich zu leben.
  • Wir wollen freie und selbstbewusste Menschen, die doch gemeinschaftsbewusst handeln.
  • Wir wollen vor Gewalt beschützt sein, ohne einen Staat von Spitzeln und Bütteln ertragen zu müssen. Faulpelze und Maulhelden sollen aus ihren Drückerposten vertrieben werden, aber wir wollen dabei keine Nachteile für sozial Schwache und Wehrlose.
  • Wir wollen ein wirksames Gesundheitswesen für jeden, aber niemand soll auf Kosten anderer krankfeiern.
  • Wir wollen an Export und Welthandel teilnehmen, aber weder zum Schuldner und Diener der führenden Industriestaaten noch zum Ausbeuter und Gläubiger der wirtschaftlich schwachen Länder werden.

Um all diese Widersprüche zu erkennen, Meinungen und Argumente dazu anzuhören und zu bewerten, allgemeine und Sonderinteressen zu unterschreiben, bedarf es eines demokratischen Dialoges über die Aufgaben des Rechtsstaates, der Wirtschaft und der Kultur. Über diese Frage müssen wir in aller Öffentlichkeit gemeinsam und im ganzen Land nachdenken und miteinander sprechen. […]

Die Zeit ist reif !
Anfang September 1989

https://www.havemann-gesellschaft.de/archiv-der-ddr-opposition/startseite/



Christine Rietzke: Eine Frage habe ich noch zu der DAZ. Irgendwie bist Du ja zur DAZ gekommen… als Journalistin ist das ja naheliegend. Aber wie kam es zur Frauenseite?

„…Jan Peter, der ist ja der Chefredakteur gewesen von der DAZ und er hat mich angesprochen und hat gesagt, er plant das mit der Zeitung und ob ich dabei bin, ob ich mir das vorstellen könnte. Und ich sag: Naja, wenn, dann eine Frauenseite.

„Und die DAZ ist wirklich für mich ein leuchtendes Zeitungsbeispiel, ich kenne nichts Vergleichbares. Guck mal, wir hatten einen Aufmacher, das war immer was ganz Aktuelles. Eine ganze Seite Interview, eine Seite Wirtschaft, eine Seite Umwelt, eine Seite Frauen usw. – Großartig!

Das gesamte Interview wird im gerade entstehenden Offenen feministischen Demokratie-Archiv | OfemDA einsehbar sein. Siehe hier